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 Kino für die Ohren
 22-10-2008

Pressplay: Anthologie der freien Hörspielszene. Herausgegeben von Claes Neuefeind. Erschienen 2006 im Mairisch Verlag. Spielzeit 274 Minuten, Mp3-CD.

Ich hätte dieses Interview eigentlich mit Claes Neuefeind führen wollen, der diese Anthologie der freien Hörspielszene in Deutschland in monatelanger Kleinstarbeit zusammengetragen hat. In Köln traf ich ihn dann in einer dieser von Rauchern befreiten Kneipen, vollgepfercht mit Studenten, denen es allen vollkommen egal war, dass am selben Abend der FC spielte. Wahrscheinlich wusste es nicht mal einer. Also wurde das Spiel auch nicht gezeigt, und ich musste nebenan den Imbiss aufsuchen, um die Übertragung zu sehen. Es war ein Scheißspiel und zu allem Überfluss habe ich das Interview mit Claes verpasst. Als ich wieder zurück kam, war er längst weg, und ich musste dieses Interview anschließend dann irgendwie mit mir selbst führen.

NN: Hi Lude, der FC hat soeben wieder einmal verloren; interessierst Du Dich sehr für Fußball?

Lude: Nun ja, ab und an lässt es sich nicht vermeiden, dass man das eine oder andere Spiel zu sehen bekommt. Das Spiel eben habe ich verpasst; aber, soweit ich weiß,wurde es nebenan im Imbiss übertragen, leider konnte ich nicht zuschauen...

NN: Ich halte hier gerade die Anthologie der freien Hörspielszene Pressplay in der Hand. Über 270 Minuten sehr interessante, aber auch sehr abgefahrene Hörspiele...Kannst Du bitte mal beschreiben, was das so für Leute sind, diese Hörspielmacher? Sind das Leute wie Du und ich?

Lude: Nein, das sind echte Freaks, Nerds, die gute Arbeit abliefern, ihr Ding durchziehen, die sozusagen im Dunkel unter der Erde leben, ohne finanzielle Basis, vielleicht sogar ohne Krankenversicherung. Neulich traf ich einen Vertreter dieser Spezies, einen Hörspielmacher, genauer gesagt: einen Macher in der freien Hörspielszene: Claes Neuefeind. Auch ein Freak, Kettenraucher, lebt hier in Köln. Die meisten haben wie er ihre Nische besetzt, weit abseits des Mainstreams eine Art Subkultur entwickelt, die nicht nur anspruchsvoll, sondern auch sehr unterhaltsam ist.

NN: Wie frei ist diese freie Hörspielszene wirklich? Kann man damit Geld verdienen? Ist man tatsächlich unabhängig?

Lude: Trotz aller Qualität: keiner der Beteiligten kann davon so richtig leben. Wie so oft ist es purer Idealismus, gepaart mit Selbstausbeutung, ettiketiert mit dem Euphemismus einer freien Kunstszene. Freie Hörspielszene hört sich erst mal gut an, heißt aber: Geld reinstecken und trotzdem nichts damit verdienen, lowest budget, wenn man so will, und auch nicht anders als in der freien Musikszene oder anderen Kreativzellen. So gesehen ist das freie Hörspiel wirklich frei... Geld verdienen kann man mit Hörspielen nicht, es sei denn, man ist in irgend einer Weise ans Radio angebunden; das Radio ist ja das ureigene Medium für Hörspiele, mit einer langen und anspruchsvollen Tradition, von Günter Eich bis zu den 3 ???. Und da kommen diese Freaks auch her, aus dieser Tradition, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Deutschland ist ja nicht nur das Land der Torhüter, sondern auch das Land der Hörspiele, Kriegsblindenpreis inbegriffen. Viele Autoren, die dieser freien Szene zugerechnet werden, sind aber unglücklich mit diesem Begriff, denn eigentlich schielt doch fast jeder darauf, im Radio unterzukommen, dort gespielt zu werden. Anders herum gesehen, ist man unfrei also dann doch besser dran...

NN: Welche Rolle spielt denn das doch recht spießige öffentlich-rechtliche Radio noch für diese Horspielszene? Ohne Radio läuft da ja wohl nicht viel, denke ich.Aber wie kommt der Freak ins bürgerliche Radio?

Lude: Idealerweise geht man mit seinem Expose zu einem Sender, der dann einen Vorschuss gibt und das Hörspiel sendet. Oder reine Auftragsarbeiten. Bei den Freaks ist es allerdings eher üblich, ein Hörspiel selbst zu produzieren und zu finanzieren. Die würden das dann auch ohne Auftraggeber machen, ganz einfach, weil sie Bock auf das haben, was sie gerade machen. Was das Interesse der großen, öffentlich-rechtlichen Radiosender an diesen Off-Produktionen von Freaks angeht, ist in den letzten 10 Jahren doch recht viel Bewegung in die Radiolandschaft gekommen. Es gibt immer wieder und auch immer mehr Platz für solche Produktion aus derunabhängigen Hörspielszene, nicht zuletzt Dank der inhaltlich und vor allem auch technisch hochwertigen Arbeiten. Aber natürlich findet das alles immer noch in einem überschaubaren Rahmen statt, ist für die Nischen produziert. Das muss man dann doch noch einmal in aller Klarheit sagen. Das sind Freaks, die so was machen, und keine Geschäftsleute.

NN: Wie sehen die technischen Produktionsbedingungen aus? Auf der Anthologie hier sind alle Hörspiele recht professionell hergestellt; selbst die O-Ton-Produktionen sind sehr hochwertig...

Lude: Mittlerweile ist es ja gar kein Problem mehr, anspruchsvolle Arbeiten herstzustellen, weil man ja nicht mehr auf große Studios angewiesen ist, sondern eigentlich alles selbst zu Hause machen kann, mit einem Laptop, einem Mikro und relativ wenig finanziellem Aufwand. Viele Hörspielmacher kommen von der Theaterszene oder sind selbst Musiker, können also alle produktionstechnischen Bereiche selbst adequat betreuen.

NN: Welche öffentliche Foren gibt es, auf der Hörspielmacher ihre Produktionen vorstellen und Kontakte knüpfen können? Gibt es sowas wie Hörspielmessen oder sogar Festivals?

Lude: Ja, die gibt es sehr wohl. Sehr wichtig sind gerade für die Freaks die Hörspielfestivals in Berlin und Leipzig, dort trifft man sich, da tauscht man sich aus. Es werden auch Preise vergeben, Claes selbst hat vor ein oder zwei Jahren mal einen dort gewonnen. Das sind dann meistens Geldpreise oder auch freie Sendeplätze, die den Hörspielmachern natürlich helfen, auch mal an ein größeres Publikum zu kommen oder den Kontakt zu Radioredakteuren zu bekommen. Hörspiele machen bedeutet eigentlich, nachts für sich allein von allen anderen unbemerkt in seinem Kämmerlein zu wurschteln, und auf diesen Hörspielfestivals besteht dann die Möglichkeit, sich auch mal andere Hörspiele reinzuziehen und mit anderen Freaks zu diskutieren. Aber viele Redakteure sind einfach überfordert und überlastet mit der Menge an hervorragenden Hörspielen. Der WDR in Köln z.B. tut recht viel für die freien Hörspiele, obwohl, der Prozentsatz beträgt vielleicht 1% von allen gesendeten Hörspielen; der Rest ist aus dem eigenen Haus, sind also Eigenproduktionen des WDR oder von anderen Sendern gekauft. Offene Radiokanäle, Webradios oder Podcasts spielen für die freie Szene seltsamerweise keine bis gar keine Rolle. Hörspielmacher sind da doch eher konservativ und nicht so die Internetpioniere vorne weg. Da ist leider noch nicht viel Bewegung zu erkennen; das könnteman in der Tat besser machen...

NN: Du spracht eben den WDR an; wir sind ja hier in Köln; wie sieht es aus mit der Kölner Hörspielszene, geht da was??? Die Kölner haben es ja sonst sehr mit Kunst und Kultur; aber sind die Kölner auch Hörspielfans?

Lude: Nee, gar nicht. Obwohl der WDR einer der größten Hörspielsender ist, gibt es in Köln eigentlich keine nennenswerte aktive Szene dafür. Komisch eigentlich...

NN: Wie schaut es aus mit dem Vertriebsweg? Wie kommen die Hörspiele zu den Hörern?

Lude: Es ist schwierig Hörspiele zu verkaufen; man sitzt zwischen den Stühlen: es ist kein Buch, aber wird in erster Linie über den Buchhandel vertrieben; es ist aber auch kein einfach abgelesenes und bereits etabliertes Buch, sondern eher Kino für die Ohren. Ja, das trifft es am besten, wird der Sache am ehesten gerecht: Hörspiele sind Kino für die Ohren, gemacht von echten Freaks. Da muss man genau unterscheiden zwischen Hörbuch und Hörspiel.

NN: Was ist der Unterschied zwischen einem Hörbuch und einem Hörspiel?

Lude: Bei einem Hörbuch ist es meistens so, dass da irgendein Bestseller, der als Buch Erfolg gehabt hat, einfach von einem Schauspieler abgelesen wird. Da gibt es keine verteilten Rollen, keine sonstigen Sounds oder Alltagsgeräusache, keine Atmo. Beim Hörspiel hingegen ist alles möglich, von Soundscapes, Geräuschcollagen bis hin zu Minimal Music, am Computer zusammengebastelt, O-Tonaufnahmen, irgendwo in der U-Bahn aufgenommen. Auch ist bei Hörspielen die Grenze zu Reportagen, Dokumentationen und zum Journalismus recht fließend, da spielen viele Elemente zusammen.

NN: Zum Schluß noch die Frage nach weiteren Projekten... Was steht in der freien Szene in Zukunft an?

Lude: Claes hat mir z.B. gerade erzählt, dass er zur Zeit wieder Hörspiele für einen zweiten Teil der Anthologie sammelt. Eine Spielweise für Freaks ist das, allemal. Außerdem plant Claes ein O-Ton Feature über diese ganze absurde Nichtraucherhetze, die hier gerade abgeht... morgen treffe ich mich mit ihm zu einem Interview... mal sehen, was draus wird...

NN: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch, Lude. Übrigens: ein oder zwei Hörspiele von PRESSPLAY sind auf dem aktuellen Finest Noise-CD-Sampler vertreten. Reinhören lohnt sich!!!

Köln, im März 2008 für Noisy Neighbours

 
 
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