«      1   |   2   |   3   |   4   |   5      »      
 Über gutes und schlechtes Prokrastinieren.
 14-04-2008

Über gutes und schlechtes Prokrastinieren.

...ich fasse es ja nicht, die machen sich hier was zu Essen und fragen mich nicht, noch nicht mal rhetorisch, ob ich was mit essen möchte...

unglaublich, oder?!? Wie die Jugend von heute sozialisiert wird... sich bei Myspace artig für's "ädden" bei völlig Unbekannten bedanken, aber der Verkäuferin im Supermarkt nebenan nicht mal mehr tschööö sagen. Altbewährte gemeinsame Rituale gehen den Bach runter, verschwinden unbemerkt vom Planeten wie eine weitere seltene Tier- oder Pflanzenart. Neue Rituale kommen zwar hinzu, aber im Verhältnis evangelisch zu katholisch. Nur ein Generationenproblem, oder etwa mehr? Dreimal am Tag einen hinter die Löffel geben, mit dem Kopp vor die Wand klatschen, wie meine Mutter immer gesagt hat. Kann es denn sein, dass eine Generation früher 50 Jahre waren, heute nur noch 5 Jahre?!? Mein amerikanischer Freund schickt mir sofort eine Mail, will mich aufmuntern:
O mighty Thor! Why are you depressed? Yeah, no reasons for joy, but maybe there are or maybe not , what the fuck , now completely stoned always trapped in the same shit , but surrounded by friends and all my friends are angels they shine like diamonds... But anyway I dont know man, everything so simple and complicated, but there's something cool in the end so that's why we are here...

Ach ja, rein zufällig höre ich gerade wieder The Grateful Dead: Wake up to find out that you are the eyes of the world. Wake up and discover that you are the sun that the morning breakes...

Nun ja. Nicht, dass ich Hunger hätte. Aber einfach mal fragen und mir die Genugtuung geben, ohne Begründung einfach nein zu sagen. Sich verweigern. Wie konservativ ist das denn, wenn alle zusammen am Tisch sitzen und gemeinsam zu Abend essen? Oder bin ich schon so altmodisch (wunderbares Wort, übrigens: altmodisch, nebenbei bemerkt!), zu familiär, sozusagen von gestern? Da fällt mir ein, habe ich denn an dieser Stelle eigentlich schon mal meine Hymnen auf die wundervollen Grateful Dead abgelassen?!? Liebe Leute, solltet ihr Grateful Dead schon kennen, könnt ihr Euch zurücklehnen und aufhören zu lesen. Euch erzähle ich ja nichts Neues. Aber alle anderen: Hey! Aufpassen! Sonst klatsch ich Euch auch die Köppe vor die Wand! Grateful Dead sind übrigens die einzigen, die jemals ein glaubwürdigens Buch über ihre Familie und ihre Freunde veröffentlich haben. Ein Buch, in dem alle Familienmitglieder und Freunde vorgestellt werden, jung oder alt, Mann oder Frau. Das hat mit Musik nun gar nichts mehr zu tun, sagt Ihr... oder eben gerade doch???
Also: kann man sich sowas auf Myspace vorstellen??? Ich jedenfalls nicht. Und wer Ohren hat zum Hören, der sollte sich mal China Doll von Grateful Dead aus dem Nassau Colisseum von 1973 reinziehen. Ich wünschte mir, das würden die Außerirdischen als erstes hören können, wenn man ihnen von uns Menschen erzählen wird, wie wir damals so gewesen sind, hier auf der guten alten Erde. Und bitte, erzählt ihnen nichts von Myspace oder Youtube oder schlimmeren menschlichen Vergehen und Verfehlungen. Man muss nicht immer sofort mit den miesesten Sachen als erstes rausrücken.

So langsam beginne ich dieses Pack hier zu hassen. Würde die am liebsten rauswerfen. Die können ja auch gar nix. Gucken den ganzen Tag mediokere amerikanische Serien auf ihrem mitgebrachten Scheißrechner. Und heiß ist es hier, weil die Arschlöcher so frieren, diese verhurten Muttersöhnchen. Was für eine Bullenhitze! Und, ganz ganz schlimm: die föhnen sich auch die Haare! Das ist ja wohl das Allerletzte, etwas, das ich niemals tolerieren werde: sich die Haare föhnen! Wie tief muss man sinken... niemals, never hat sich Jerry Garcia die Haare geföhnt!!!
Man wirft mir vor, meine Kolumnen seien zu schwer zu verstehen. Aber ist da mein Problem?!? Muss ich mich dafür entschuldigen, dass die Leute statt Helmut Krausser lieber Ken Follett lesen?!? Oder statt Ingmar Bergman eher amerikanische Blockbusterfilme wollen?!? Soll ich denn klein beigeben?!? Jetzt fragen die mich hier doch tatsächlich, welche Platte ich mit Muff Potter aufgenommen habe! Habe ich doch glatt vergessen... da, dort steht es doch, neben diesem komischen Aufkleber, der so schlecht gemacht ist und wo i äi eighty draufsteht: wir sind Musiker und keine Grafiker... Ja, so viel Punk wie EA80 sind, möchten Muff Potter gerne sein. Das einzige, an was ich mich jetzt wieder erinnere, ist, dass die sich die Füße in den Backofen gesteckt haben, weil diesen Weicheiern so kalt war. Muff Potter war einer der größten Verlierer und Nebendarsteller der Weltliteraturgeschichte. Wie kommt man bloß auf die Idee, seine Band gerade nach Muff Potter zu benennen! Falstaff, ja, das wäre jemand, nach dem man seine Band benennt. Oder Tomzack, nach jenem ungeheurem Wesen, das Robert Walser auf einem seiner einsamen Spaziergänge begegnet war. Was bin ich froh, dass Mick Jones Pete Doherty produziert. Was ich bin traurig, dass Joe Strummer tot ist:
I gotta go, mein freund... Just remember: we all will be defeated by life in the end. But in the meantime: what a good time, bro!!! May the sun shine on you and yr ppl.....

Sandinista!!!

Neulich habe ich da wieder so ein neues Wort gefunden: Prokrastination. Prokratinieren in Zeiten des Prekariats. Da gibt es also längst ein Wort für etwas, dass mich betrifft und beschäftigt, und ich kenne es nicht mal. Und es gibt sogar gutes und schlechtes Prokrastinieren, habe ich auch gelernt, was mir ganz besonders wichtig erscheint. Kathrin Passig bringt es in dem teilweise sehr unterhaltsam zu lesenden Interviewbuch Wovon lebst du eigentlich? sehr schön auf den Punkt: Es ist relativ leicht, einen Tag damit zuzubringen, irgendeinen Quatsch wie die Steuererklärung zu machen und sich dann gut zu fühlen. Das ist aber eigentlich genau falsch, weil man in der Zeit überhaupt nichts Sinnvolles gemacht hat. Wenn man die ganze Zeit nur rumprokrastiniert hätte oder irgendetwas geschrieben, woran gerade das Herz hängt, (...) irgendwas ausgedacht oder einfach nur draußen in der Sonne gesessen und gute Ideen gehabt hätte, wäre der Tag sinnvoller angelegt gewesen, und trotzdem hätte man albenerweise ein stärkeres schlechtes Gewissen als nach einem Tag mit Steuererklärung. Man sollte es sich öfter vor Augen führen, dass es keinen Sinn macht, sich gut zu fühlen, wenn man Papierkram sortiert hat (...). Eigentlich ist alles interessante, was ich mache, worüber ich gerne reden will, in irgendeiner Form Arbeit, mal bezahlt, mal nicht bezahlt. Die nicht bezahlten Sachen sind die interessanteren (...). Deshalb glaube ich, ist es wichtig, dass man einen großem Teil dessen, womit man sich beschäftigt, wenn man es sich leisten kann, unbezahlterweise macht. Eben weil man es gern macht. Weil es das einzige ist, wo man wirklich gute Arbeit leisten kann. Es kommt vielleicht auf die Art der Arbeit an, aber bei kreativer Arbeit bin ich mir ganz sicher, dass diese Argumentation richtig ist.

Liebe Kathrin, vielen Dank für diese wichtigen Worte.

In diesem Sinne: ich werde dieses Buch schreiben, über Krautrock und über mich.Wieder einmal weiß ich es ganz genau: ich muss dieses Buch schreiben. Mich weiter ärgern über nicht gefragte Fragen. Und wenn es sein muss, fange ich auch noch mal ganz von vorne an.

Euer Lude

 
 
«      1   |   2   |   3   |   4   |   5      »