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 CHARLES MINGUS
 30-05-2006

Diesmal nun Charles Mingus. Gestorben am 5. Januar 1979, hat er uns allen ein paar wunderbare und einzigartige Platten hinterlassen. Drei davon können hier guten Gewissens empfohlen werden. Als da wäre: "The Black Saint and the Sinner Lady", erschienen 1963 bei Impulse.1963 war überhaupt ein gutes Jahr für Charles Mingus, was man freilich nicht von jedem Jahr seiner Karriere sagen kann. Künstlerisch zumindest waren die ersten Jahre der 60iger sehr gute Jahrgänge für ihn gewesen, erschienen in dieser Zeit doch auffallend viele und vor allem viele gute Platten von Charles Mingus. Experimenteller Big Band Sound mit eindeutigen Einflüssen aus Jazz, Gospel und Soul könnte man dieses Gebräu nennen, wenn man damit nicht viel zu kurz greifen würde. Die vorliegende Platte zumindest ist viel mehr, was auch die durch die Tatsache belegt wird, daß die Liner Notes zu diesem Album vom dem Psychoanalytiker von Charles Mingus verfasst wurden, einem anerkannten Arzt, der nichts von der Musik verstand aber dafür umso mehr von seinem Patienten Mingus, den er übrigens auch schon mal aus der geschlossenen Anstalt heraus holen mußte. Die Platte sagt also, wenn auch nicht unbedingt alles über die Psyche, aber doch einiges aus über die öffentliche Person, die Charles Mingus darstellt: "It must be emphasized that Mr. Mingus is not yet complete. He is still in a process of change and personal development. Hopefully the integreation in society will keep pace with this. One must continue to expect more surprises from him." Wie recht der Mann hatte. Ein Song dieser Platte heißt übrigens: "Of Love, Pain, and Passioned Revolt. then Farewell, My Beloved, 'till It's Freedom Day". Und der wahrscheinlich grandioseste Songtitel, der jemals irgendwo veröffentlicht wurde, ist ebenfalls auf dieser Scheibe zu finden: "STOP! LOOK! AND SING SONGS OF REVOLUTIONS!" Ein Platte für die Insel. Oder als Soundtrack zur eigenen Therapie.

Ebenfalls 1963 bei Impulse erschien von Charles Mingus die Scheibe: "Mingus Plays Piano. Spontaneous Compositions and Improvisations". Mingus war nicht nur ein begnadeter Komponist, Arrangeur und Bassist, er war auch ein Original als Pianist. Auf einigen seiner Platten hatte sich Mingus bereits als Pianist präsentiert, aber stets im Rahmen seines Ensembles. Nun endlich veröffentlicht er eine Platte, auf der er ausschließlich Piano solo spielt. Und der erste Song heißt dann auch ganz programmatisch: "Myself, When I am Real". Auf einmal offenbart sich die lyrische Seite von Charles Mingus, und man erkennt, wo seine musikalischen Wurzeln wirklich greifen: bei Monk, dann Ellington, und schließlich bei Debussy. Claude Debussy ist offensichtlich einer der wichtigsten Einflüße auf Mingus gewesen. Die Harmonielehre, die ganze musikalische Ästhetik und vor allem die oft als impressionistisch bezeichnete Art der Akkordzerlegung bei Debussy sind auch bei Mingus immer wieder zu hören. Bei Mingus allerdings heißt es nicht, er sei impressionistisch. Bei Mingus sagt man, er habe eine schwarze Seele. Eine tiefschwarze Seele.

Und dann ist da noch die letzte Platte, die Mingus je aufgenommen hat, mit dem schlichten Titel "Mingus", kurz vor seinem Tode, im Rollstuhl sitzend. Zusammen mit Joni Mitchell hat er die Songs für diese Platte geschrieben. Es ist natürlich eher eine Platte von Joni Mitchell über Charles Mingus, und sagt vielleicht (unausgesprochen) mehr über die Person Charles Mingus aus als die Liner Notes seines Psychaters auf der "Black Saint and Sinner Lady" von 1963. Zwischen den Songs immer wieder kurze Gesprächsfetzen von Charles Mingus, der ein letztes mal für sich selbst sprechen kann. Joni Mitchell hat wie immer für ihre Platten einige wunderbare Bilder für das Cover gemalt. Diesmal Porträts von Charles Mingus; Mingus verschmitzt lachend, Mingus im Rollstuhl, Mingus angesichts seines eigenen Todes.

Ein letzter Gruß von Charles Mingus an uns Erdlinge.

 
 
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