Vor manchen Aufgaben drückt man sich einfach, manchmal weil man nichts negatives über eine Platte schreiben will, manchmal - wie im Fall von Pendikels Don't cry, Mondgesicht - weil es unmöglich scheint der zu besprechenden Platte auch nur ansatzweise gerecht zu werden. OK, nicht gerade eine wahnsinnig originelle Einleitung, zeigt aber vielleicht mit welchen Hemmungen ich mich seit nun mehr fünf bis sechs Wochen vor einem längst fälligen Review drücke. Da hilft nur eins, nämlich einfach mit der Tür ins Haus fallen: Die Platte ist ganz große Klasse! Weniger Art- oder Postrock als 3, weniger ArtNoiseCore oder Emo als Fu ruft Uta und Phantasievoll (aber unpraktisch), dafür von allem ein bißchen und ordentlich viel Indierock und sogar Popanleihen. Pendikel haben und hatten schon immer einen ganz besonderen Stil, der auf dem typischen Gitarrenspiel und dessen Kombination mit dem Schalgzeug fußt und den charakteristischen Gesang von Carsten Sandkämper (früher intro-Schreiber, heute manchmal bei Spex) als quasi Topping mitbringt. Neben, über, unter, vor und hinter diesen Grundzutaten passiert noch unheimlich viel, Mellotronsprengsel, Samples, Vokodergesang, Bass, Keyboards. Daß die tollen Texte über privates und nicht ganz so privates bei den überschwenglichen Reviews bei Spex und intro besondere Aufmerksamkeit bekommen, ist natürlich nachvollziehbar, tut allerdings so als ob die Texte auf den ersten drei Platten nur schmückendes Beiwerk gewesen wären. So ein Quatsch! Hier sei nur an 'vielleicht' von Fu ruft Uta, 'Pubertäterä' von Phantasievoll (aber unpraktisch) und die Wimphymne (nach Martin Büsser) 'rausgehen, rocken und zerstör'n' von 3 erinnert, um nur mal ein paar zu nennen. Was in der Tat neu ist, ist der offensive Wille sich politisch zu äußern, wie im 'Arbeiterlied' oder bei 'Gewinner'. edit an: wobei politisch hier nicht sloganeering oder ideologisch verbrämten Sozialkitsch meint, sondern ein generelles Unbehagen oder Uneinverstandensein mit der Situation, das aber immer genug Abstand zu realpolitischen Programmen hält. edit aus - Meine Favoriten sind neben dem monolithischen Opener 'Dead City', von Pendikel auch als ihre Rock-Oper bezeichnet, 'Falsche Freunde' (wg des Keyboards und wg "dabei geht es nur um Musik"), 'Zitatmaschine' (wg des hysterischen Zitatwirrwarrs gegen Ende) und 'Nach dem Piepton' (wg der Zeilen "Uns bleibt leider nie viel Zeit für echte Betroffenheit (...) >>Melacholie kann dich ändern, wenn du es willst, ändert dich nie, wenn du sie niemals fühlst<"). Kurz bevor wir zum Schluß kommen noch ein paar hard facts: Don't cry, Mondgesicht wurde als Duo (Oliver Klemm, Carsten Sandkämper) im BluBox Studio in Troisdorf zusammen mit Guido Lucas und im Klangewalt in Kerpen mit Lobo Panic aufgenommen. Erschienen ist sie, wie auch schon die drei Vorgängerinnen bei blunoise. Zu bestellen ist sie entweder bei Flight 13, bei blunoise oder bei Pendikel selbst. Hier also das Fazit, vor dem ich mich so lange gedrückt habe: In seiner Bedeutung ist Don't cry, Mondgesicht höchstens mit Hallo Endorphin von ...But Alive zu vergleichen, natürlich gibt es genug Unterschiede, z.B. die Punkbasis von ...But Alive, aber als Popplatte mit deutschen Texten ist sie die einzige Referenz, die mir einfällt v.a. wg der stilistischen Vielfalt, aber zum Glück ohne eine Rammsteingedächtnisnummer ('Sicher' auf Hallo Endorphin). Außerdem weil beide Platten eine Öffnung hin zu Pop markieren, für ...But Alive auch gleichzeitig das Ende und ein halbgarer Neuanfang als Kettcar, aber für Pendikel ist es hoffentlich "nur" ein Schritt hin zur nächsten tollen Platte, dann 2010.
http://buzzer-online.blogspot.com // Daniel // 25.10.06
Manchem Leser mag es langweilig werden, gar widerwärtig sein, wenn ich zum wiederholten Male einen "Die wichtigsten CDs der Woche"-Hype von SPIEGEL Online seziere. Solchen empfehle ich, sich ohne Umschweife wegzuklicken. Die Zurückgebliebenen werden vielleicht noch mehr Verständnis haben, wenn ich aus der entsprechenden Rezension von Jan Wigger folgenden Signalsatz zitiere (obendrein benutzt Wigger sogar das P-Wort ohne offensichtliche Verachtung, wenn auch mit einer leicht verklausulierten Spitze): "So scheint sich der überwältigende erste Song "Dead City" vor King Crimsons Jahrhundertstück "In The Court Of The Crimson King" zu verneigen, wobei Sänger Carsten Sandkämper stimmlich eher als Widergänger [sic] des frühen Peter Gabriels auftritt." Es geht um die deutsche Gruppe Pendikel und deren aktuelles Album "Don't cry, Mondgesicht". Leider komme ich nicht am Seufzen vorbei: Natürlich ist die Verbindung von "Dead City" mit "In The Court Of The Crimson King" ziemlicher Quatsch. Musikalisch und von der gesamten Klanggestalt her haben die beiden Stücken kaum Ähnlichkeit. Schwellende Streicherklänge hier und da machen noch keinen "Court". Auch Carsten Sandkämper als Wiedergänger (so die korrekte Schreibweise) von Peter Gabriel zu beschreiben, liegt daneben. Zum einen gibt es weder stimmlich noch in der Artikulation - auch in den eher seltenen englischen Textpassagen - wesentliche Gemeinsamkeiten. Und: "Wiedergänger" bedeutet laut Duden "ruheloser Geist eines Toten", und dafür klingt Sandkämper bei aller Lakonie deutlich zu lebendig. Richtig ist aber, dass Pendikel sich auch immer wieder typisch (wenn auch nicht exklusiv) proggiger Ausdrucksmittel bedienen, etwa krummer Metren, sogar leichter Polymetrik, hymnischer Bombastpassagen, bewusste Schrägheiten, Mellotronklänge. Aber: "auch". Denn daneben gibt es viel melancholischen Indie-Rock-Sound oder sogar ansatzweise Punkiges, ganz selten psychedelische Anklänge. Die einzige mehr oder weniger "echte" Prog-Nummer auf "Don't Cry, Mondgesicht" ist das Titelstück, das mit schwermütigem Mellotronüberschwang und kratzigen Gitarren an die guten Anekdoten selig erinnert. Dennoch, nein gerade deshalb, ist "Don't Cry, Mondgesicht" ein wirklich hübsches, angenehmes, stellenweise mitreissendes Album. Die Kombination der verschiedenen Stilistiken und musikalischen Element wirkt frisch und erfrischend. Dass Bands sich solches trauen und dafür nicht mit Kritikerverachtung abgestraft werden, dürfte das deutlichste Zeichen für das Prog-Revival sein. Bzw.: Vor allem darin dürfte das "Revival" bestehen. Denn das "reinrassiger" Progressive Rock ein Publikumsgunst-Comeback machen wird, steht nicht zu erwarten. Sondern proggige Techniken halten mit Verspätung Einzug in die Schatzkiste dessen, "was geht"; was manche erfreuliche Vielfalt, andere postmoderne Beliebigkeit nennen werden.
www.progblog.de // Udo Gerhards // 29.09.06
Unentwegtes Jammern darüber, dass einer Band, die man mittlerweile fast schon als "altgedient" bezeichnen könnte, endlich einmal die Aufmerksamkeit zukommen möge, die sie eigentlich schon seit Jahr und Tag verdient hat, ist zwar einerseits besonders schlapp, hat aber andererseits so mancher kleinen Karriere schon deutlich weitergeholfen. Also gut: "Don't Cry, Mondgesicht" ist nun schon das vierte sehr gute Album der Osnabrücker Rockgruppe Pendikel, die im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern nichts dagegen einzuwenden hat, wenn man die zärtlichen und opernhaften Elemente, die in ihrem Gitarrenlärm immer mal wieder auftauchen, als "Prog" bezeichnet. So scheint sich der überwältigende erste Song "Dead City" vor King Crimsons Jahrhundertstück "In The Court Of The Crimson King" zu verneigen, wobei Sänger Carsten Sandkämper stimmlich eher als Wiedergänger des frühen Peter Gabriel auftritt. "Falsche Freunde" dagegen hätte ganz gut auf die "Nook"-LP von The Notwist gepasst und hat ein paar der am schönsten gesungenen Textzeilen, die man aus der deutschen Sprache formen kann: "Du gibst dir echte Mühe/ lachst über ihre Witze/ Dafür schenkten sie dir schon mal eine gebrauchte Mütze/ Darauf steht 'NY Hardcore'/ Damit kommst du dir stark vor/ Dabei geht es nur um Musik." (7)
www.spiegel.de // Jan Wigger // 25.09.06 - "Abgehört: Die wichtigsten Cds der Woche"
Die Jungs von Pendikel seien jetzt, nach zehn Jahren Bandhistorie und mit der vierten CD, alte Säcke, stellen sie selbstironisch in der Bio fest. Nun, wenn "alte Säcke" mit "alte Hasen" gleichzustellen sind, dann haben die Herren hier zweifelsohne recht. Scheiben wie "Don't Cry, Mondgesicht" kriegt man als blutiger Anfänger jedenfalls nicht hin. (Titel wie diese vermutlich auch nicht.) Denn "Mondgesicht" ist endlich einmal eine intelligente Rockscheibe mit deutschsprachigen Texten, die keinerlei Berührungsängste zu kennen scheint zwischen eigentlich unvereinbaren Elementen wie knochentrockenen Art-Rock-Passagen, verträumten Klassik-Anleihen, Pop-Momenten, fragilen Singer / Songwriter-Passagen und gar an Soundtracks gemahnende Einschübe aller Art, die liebevoll um Miniaturen / Fragmente / Skizzen herum arrangiert wurden. Pendikel seien auf der Suche, heißt es in der Info - und so klingt das alles auch - als sei der Weg das Ziel. "Mondgesicht" ist eine musikalische Reise, für die man sich besser einen Moment Zeit nehmen sollte, denn die Musiker haben das auch getan: Hier ist alles wohl überlegt, sitzt an seinem Platz - der indes keineswegs da ist, wo man ihn vermutet, weswegen dieses Werk auch enorm unterhaltsam ist. Und das trotz einer fast bleiernen Schwere und Ernsthaftigkeit. Was eigentlich nach einem vernichtenden Todesurteil klingt, ist hier aber als Kompliment gemeint, denn es funktioniert einfach. Wer mal nach einer Alternative von chartstauglichem Deutschpop sucht, der möge sich mal mit dem Mondgesicht beschäftigen. Es lohnt sich!
www.gaesteliste.de // Ullrich Maurer // 06.10.06
Erschütternde Aufzeichnungen aus dem Alltag, sie erzählen von schwachen Hoffnungen und zerstörerischen Enttäuschungen, von weinigen optimistischen Anfängen und dem Versinken in Niederlagen, samt anschließender Apathie, der Verzweiflung und aufkeimenden Depressionen. Aber auch der Umorientierung zugeneigt, weil Aufgeben keine Lösung ist, spendet Don´t Cry, Mondgesicht durchaus tröstende Musikstücke. Pendikel steht der kaum erträglichen respektive fassbaren Wirklichkeit sehr nah, verrät deswegen im Verlauf von zwölf Mondgesicht-Stücken viel über Erfahrungen, Gedankenstränge und das nachvollziehbare Ausformulieren von Emotionen. Nah am Zusammenbruch sind sie so manches Mal, die Protagonisten von Pendikels Liedern. Da darf es dann auch heißen: Heul doch. Zumindest kommt, damit verbunden, Verständnis für schwächende Krisensituationen zum Ausdruck. Das Dasein ist aber auch kompliziert. Und mindestens so verstörend wie ein Mondgesicht-Lied. Denn die neuen Stücke von Pendikel kriechen, schleichen, schmusen, flimmern, stürzen, kneifen, lassen sich zum Krach hinreißen, ebenso aber auch zu ungestörtem Wohlklang: La Chanson Parfaite. Der empfindsame Mensch in den hiesigen Städten der Gegenwart, für Pendikel steht er im Mittelpunkt von Liedern, welche auf den breiten Stützen eines gewaltigen, keineswegs protzerisch zur Schau gestellten Musik-Kenntnis-Hintergrunds entwickelt wurden. Ein intelligentes Album könnte die Quintessenz lauten, wenn schon ein Urteil über den nach und nach entstehenden Gesamteindruck gefällt werden soll. Pendikel können nervig sein, unbequem und lärmend ausschreiten, sogar im Sinne harten Rocks. Sie beginnen allerdings mit dem Piano und Pathos-Pop, der in seinem Verlauf viele Gestalten annimmt. Das epische Dead City eröffnet dramatisch, verweisstark und reflektiert. Das Mondgesicht kehrt gerne zu harmoniesüchtigen Harmoniemomenten zurück. Es sucht Nähe und Zuneigung, trifft dann jedoch Falsche Freunde. Weder das nervöse Rucken noch die aufdringlichen Aggro-Passagen kann ein erwachsendes Kuschelbedürfnis unterbinden. Zerrissenheit bleibt und Bekümmerndes.
www.bloom.de // T.Stalling // 07.10.06
Wenn unsere Kinder irgendwann auf das zurückblicken, was in den letzten 10-15 Jahren als "interessante Musik mit deutschen Texten" bezeichnet wurde, werden sie wahrscheinlich bei 95 Prozent mit dem Kopf schütteln. Es wird aber Musik aus dem Bereich geben, die auch sie noch ansprechen wird; Musik, die zu ihrer Entstehungszeit in der Schwemme von überpromotetem Mittelmaß ständig unterzugehen drohte, die später einmal Kult sein wird und angesichts derer wir uns von unseren Kindern fragen lassen müssen: "Warum habt ihr das damals nicht gehört?" - genauso, wie wir uns immer gewundert haben, warum unsere Eltern die Stones gehört haben und nicht Velvet Underground. Zu diesen Bands werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch Pendikel aus Osnabrück gehören. Mit ihrem neuen Album haben sie es scheinbar mühelos geschafft, den Vorgänger "3" zu übertreffen. Dieses Album ist so gut, dass ich mir fast sicher bin, dass die Generation nach uns eines Tages zu dem Schluss kommen wird, dass es angebrachter sei, von der Osnabrücker statt von der Hamburger Schule zu sprechen.
Notes (Indigo) // Achim Meirose // Nr.127 November 2006
Sanft, schwermütig, unaufdringlich fängt es an ("Heul doch" nicht als Spottelegie gemeint) und dann doch diese unerwarteten Klangangriffe. Zusehends wird das Werk satter, was die Sounds angeht. Die Texte sind lapidar, fatalistisch; der Gesang engagiert. Man muss zuhören. Als Hintergrundmusik absolut ungeeignet; als Vordergrundmusik sehr geeignet, wenn man in Form ist und sich auf diese einlässt. "Nach dem Piepton" ist ein Durchdringer dank begleitender satter Casio(?)-Klänge... "Gewinner" wartet mit Chor auf. Vieles erschließt sich beim sechsten, siebten Anhören hier klingts wie Golden Earring, dort wie Godley & Creme etwas mehr Wechselgesang würde dem Ganzen hie und da gut tun. Höhepunkt aus meiner Sicht: Das balladeske "Arbeiterlied". Sieh an, fühl mit, hör zu!!! Werbeslogan: "Lyrik-Grunge!"
Das Dosierte Leben Reh-Zensionen // Nr.50 Oktober 2006
"Stell dir vor: im Plattenladen vorm Buchstaben "P" großes Gedränge", singt PENDIKELs Carsten Sandkämper im "La Chanson Parfaite". Und das kann ich mir bildhaft vorstellen, denn ich würde ohne große Umschweife behaupten, unter "P" stehen die beiden besten deutschen Bands (die andere ist natürlich PECHSAFTHA)! Doch wie das so ist mit Lieblingsbands, man liebt sie, weil sie sich nicht verändern, und wenn die es doch tun, muss man sie trotzdem lieben. Zumindest geht es mir so mit PENDIKEL. Kraut-, Noise- und Postrock haben sie schon immer miteinander kombiniert, ohne dass es alt oder bekannt geklungen hätte oder vor allem zu sehr rockistisch. Auf den ersten beiden Alben wütete noch der Noiserock, auf der "3" plötzlich Stille, wichtig waren die Zwischentöne, und gefehlt haben die beiden, die zu WATERDOWN und GOTO OKAY gegangen waren. Immer noch zu zweit sind Carsten und Oliver zum vierten Mal zu Guido Lucas gegangen, ein Jahr lang immer wieder. Post ist geblieben, Noise ist zurückgekehrt, wenn auch nicht so rabiat wie früher, dafür schlägt mehr als früher der Hang zum epischen 70er Jahre Progrock, ja gar zur Rockoper durch. Wo Hamburger Schule früher immer aus der Ferne grüßte, ist das neue Album ein gestreckter Mittelfinger an Hamburg und Berlin, an Quoten- und Frohsinns-, Betroffenheits- und Revisionspop, eine Absage an Aussaglosigkeit, ein wütendes Pamphlet gegen Beliebigkeit, ein Manifest voller Dringlichkeit, und vor allem eine wahre Zitathölle musikalisch und textlich von BLUMFELD bis BRÜLLEN, von PINK FLOYD bis KING CRIMSON, explizit natürlich in dem Song "Zitatmaschine". In "Falsche Freunde" dagegen heißt es: "Dafür schenkten sie dir schon mal eine gebrauchte Mütze/Auf der steht ´NY Hardcore´. Damit kommst du dir stark vor/Dabei geht es nur um Musik" PENDIKEL ging es nie nur um die Musik, PENDIKEL geht es um alles, und das haben sie auch verdient mit diesem Opus Magnum! (10/10-Unter den zehn besten Platten der Ausgabe)
OX-Fanzine // Chris Wilpert // Nr.68 Oktober/November 2006
"Kein einzelnes Stück verrät alles. Was gut ist aber auch verwirrend. Aaaaaach... scheiß drauf, ihr checkt das schon :) Viel Spaß.", (dies) stand Ende Juli auf Pendikels Blog zu lesen. Die hier vibrierende Vorfreude auf den Release ihres mittlerweile vierten Albums und das eigene Scheitern beim Auffinden eines passenden Vorabtracks deuten nicht nur auf die grundgute Atmo an, in der diese Band sich und ihr Schaffen platziert (das Umfeld, in dem sie seit Jahren intelligente Rockmusik macht, ist nicht umsonst Blunoise...), sondern auch auf die zwei zentralen Elemente ihrer Musik: Verwirrung und Spaß. Und in der Tat ist diese neue Platte weit weniger erschreckend als es die oft erwähnten Prog-Einflüsse im Pressetext und in der Berichterstattung vermuten lassen würden. "Don`t Cry, Mondgesicht" hat ein eigenes Gewicht, eine kaputte Sehnsucht, eine oft und gerne falsch gewählte Wortwahl, und summa summarum ein Anything-goes, welches mich an dieses eigenartige Gefühl bei Delbo-Texten erinnert, Blackmails Aggression lächerlich wirken lässt, und die musikalischen (Jugend-)Flügel der beiden Pendikler (King Crimson & Genesis vs. AC/DC & Nick Drake) zu einer eleganten und guten Rocklplatte verbunden hat. Ja, das scheppert und bricht oft auseinander, ist aber im Endeffekt eine schöne Suche nach noch schönerem Glück. Und bei der selbigen (eigenen) eben verdammt hilfreich.
Skug // Marko Markovic // Nr.68 September/November 2006
Pendikel sind nicht etwa neu im deutschen Musikzirkus. Ihre letzte Platte ist nur exakt 10 Jahre her. Bandgeschichten verlaufen nunmal nicht so gradlinig wie BWL-Studiengänge. "Don't Cry Mondgesicht" auch nicht. Dem ersten Gedanken "Was ist das denn?" weicht bald ein "Gar nicht mal so schlecht" und es beschleicht einen das Gefühl, dass man solchen getragenen, dunklen Gitarrenpop mit dem Gegenpol der klaren und hellen Gesangsstimme bei einer englischsprachigen Band sofort akzeptiert, wenn nicht geliebt hätte. Ja, ist schon schlimm, wenn man plötzlich mit Textverständnis konfrontiert wird. Strange and beautiful.
Westzeit und www.westzeit.de // Manuel Schülke // Nr.10 Oktober 2006 & 01.10.06
Energiegeladen kehren die Osnabrücker zurück, zeigen eine Haltung und Standhaftigkeit, wie sie selbst fordern, und erweisen sich damit als ein Fels in indie-alternativer Brandung. Der große Bruch der niemals geradlinig verlaufenden Pendikel-Geschichte kam mit dem dritten Album. "3" erschien 2003, die Band war zum Duo geschrumpft, Oliver Klemm und Carsten Sandkämper verabschiedeten sich vom Brachial-Sound der frühen Jahre und konstruierten ihre Songs wesentlich fragiler. Mit "Don`t Cry Mondgesicht" knüpfen sie hier an, verleugnen aber nicht ihre weiter bestehende Liebe zur Magie des puren Lärms, der sich gelegentlich Bahn bricht. Er ist Synonym für Aufbruch und Suche. Doch unabhängig davon, ob sie es ruhiger angehen lassen oder entfesselt aufspielen, steckt in jedem Song eine ungeheure Kraft, die in den Texten ihre Entsprechung findet. Leidenschaftlichen Respekt zollen Pendikel all jenen, die etwas ändern wollen. Im Kleinen, im Großen, irgendwo dazwischen. Die Gefahr, dass das auch schief gehen kann, leugnen sie nicht. Im Gegenteil, sie schaffen es sogar, mit "Dead City", der schweren Selbstmord-Nummer gleich zu Beginn der Platte, das heikle Thema frei von resignativen oder bemitleidenden Tönen zu behandeln. Auf dunkle Klavierakkorde folgt ein gedehnter Gesang, stilistisch zwischen altem Kirchenlied und zeitgenössischer Oper. Weitere Instrumente setzen ein, der Song öffnet sich wie der Abgrund vor dem Hochhausdach. So absurd es klingen mag, gerade diese Geschichte macht Mut, das Leben bei den Eiern zu packen, denn sie fordert das Recht ein, Fehler machen zu dürfen. Zu müssen. Das zu tun, was in einer immer perfekteren Welt störend sein wird. Das hier sind Kampflieder im allerbesten Sinne des Wortes für ein reflektiertes, selbstbewusstes Ich, das nicht nur das Fernsehprogramm durchschaut, sondern auch die Mechanismen der vermeintlich coolen Gang, mit der es um die Häuser zieht ("Falsche Freunde"). Hochgerechnet und auf die eigene Situation als Musiker übertragen, behandeln Pendikel persönlich empfundenes Unbehagen in "La Chanson Parfaite". Ihre Haltung mündet in konsequente Verweigerung, bei der nichts Geringeres als "Herzblut" als Faustpfand ihrer Aufrichtigkeit dient. Erfolg zu haben in einem Speil, dessen Spielregeln man aus guten Gründen vehement ablehnt, kommt für die Band nicht in Frage. Ihre zwölfjährige Geschichte zeigt, dass es sich dabei nicht um eine Phrase handelt. Wie überhaupt bei gar nichts, was sie anfassen.
Visions // Wolfgang Kienast // Nr.164 November 2006
Die Taskforce einer Vision - PENDIKEL: Institution des Dazwischen und Dahinters. Mit Dont Cry, Mondgesicht einmal mehr. Sie sind gelebte deutsche Untergrund-Geschichte. Sie waren, damals zu viert, vor zehn Jahren eine der ersten krassen Bands, die den Status von bluNoise als dem deutschen Noiserocklabel begründeten. Inzwischen ein Duo, haben sich Pendikel in einer Weise entwickelt, die kaum in Worte zu fassen ist. Vielleicht so: Orchestral und introvertiert, groß und weit, klaustrophobisch und wütend, akademisch und einladend, geschmackvoll und abstoßend, egozentrisch und unglaublich nah. Sänger/Texter/Musiker Carsten Sandkämper beschreibt es treffender: Das Konzept der neuen Platte heißt Gutmenschentum meets aufrichtige Verzweiflung. Wie das entsteht, kann ich nicht beschreiben, ich weiß lediglich um die Notwendigkeit. Unruhe, Nervosität, Verzweiflung ob tausender Melodien im Kopf und gerade kein Instrument, um sie festzuhalten. Man kann das am besten mit dem Begriff Erfindung umschreiben: Die Gewissheit, etwas erfunden zu haben, das sich vom Herkömmlichen abhebt. Ob es die Welt verändern wird, ist dabei offen vielleicht aber möglich und gleichzeitig egal. Ich will nicht abgehoben klingen, aber Songwriting ist für mich nie einfach nur Akkordschrauberei, bis es schön klingt. Es ist ein manchmal schwerer Prozess mit Pausen und Abbrüchen. Und er hört nicht auf, selbst wenn wir etwas gefunden haben. Das ist ja gerade das Gute daran. Es ist sehr gut, direkt und kompromisslos, wie Pendikel zu zweit funktioniert. Wenn wir heute die Idee einer sinfonischen Ausarbeitung eines Themas haben, dann setzen wir sie um und ersticken sie nicht in Noisewänden. Das Ganze ist ja immer ein wenig wie Theater bei Don't cry, Mondgesicht haben wir das Theatralische in unserer Musik erstmals wirklich strapaziert. Eine Postrock-Theatralik, die anregt, reizt, aufstachelt, brüskiert, vereinnahmt, mitnimmt, Fragen aufwirft, Antworten und sehr viel mehr liefert. Nur in einer Sache habe ich mich grundlegend getäuscht, so Carsten: Der Annahme, mit der Musik Geld verdienen zu können.
Visions // Sascha Krüger // Nr.164 November 2006
Befindlichkeitsvexiert - Merkst du was oder schläfst du schon? Warum angelt sich deine beste Freundin für ihre Beziehung mal wieder nur Trantütensuppen und Miesmuscheln, obwohl sie genau weiß, dass sie es besser haben könnte? Warum treibt verzweifeltes Alleinsein die seltsamsten Blüten? Wieso begibt sich bepusteltes Pubertätsgehopse freiwillig in die Hände von Casting-Sadisten, wenn doch das Leben noch vor ihnen liegt? Und weshalb tummeln sich geistige Tiefflieger scheinbar immer in höheren Sphären von Macht und Einfluss? Möglicherweise nur, damit auch mal kleine, aber feine tiefgründige Untergrundbands, wie Pendikel Stoff für ihre Alben besitzen. Vorher noch nie einen Ton von dieser Band gehört und dennoch ist es, als wenn man die Osnabrücker schon jahrelang kennt und sie das aussprechen, was man allgegenwärtig in jeder Sekunde spürt, ob man nun fernsieht, das Radio anschaltet oder einfach nur vor die Haustür geht. Vor die Haustür...wie sieht es da eigentlich aus, werden sich nun einige Leser fragen. Doch der Reihe nach... Vorhang auf, Bühne frei. Als befände man sich in einem Theaterstück von Brecht, klagt und hallt die Stimme von Sänger Carsten Sandkämper unter schwarzen Pianotupfern über den Anfang des Stücks Deady city hinweg. Alles, was wir so tun, ist sinnlos. Unsere Zeit ist eine der dunkelsten Epochen, und wir fühlen uns oft so alleine. Und dann ätzend: Übertreibung macht krank. Wo steht der Drogenschrank? Pendikel flehen auf ihrer mittlerweile vierten Platte um Erlösung. Erlösung von deutschmicheliger Jammerlappigkeit und allgemeingültig scheinenden Gleichgültigkeiten. Gewinner steht der heitere Zorn über den größenwahnsinnigen Architekturirsinn der Menschheit mitten in die Stirnfurchen geschrieben. NDW-punkig ummantelt rammt es sämtliche Freedom Towers (HA-HA-HA-HA!) und andere phallische Betonungeheuer wieder unangespitzt zurück in den Boden; großflächige Klötze, die wie lästige Fußpilze einer noch nicht näher erforschten Industrialisierungskrankheit - folglich noch ohne Arznei oder Impfstoff aus dem Boden schossen. Hier wird nicht ironisch gebrochen, sondern sarkastisch gekotzt. Bis zur Schmerzgrenze treiben Pendikel auf Dont cry, Mondgesicht ihre gehässige Vexierbild-Lyrik. Jedoch immer mit einer gewissen Milchglasigkeit, um nicht in platte Neunmalklugheiten abzudriften und einem kleinen sympathischen Schalk, der Sandkämpers Stimme, immer wieder durchzogen von niedlich-westfälischen Idiomen, angeheftet scheint. Als nächstes wird die Zitatmaschine angeworfen. Ein Zäpfchen, wie es im Buche steht - dringlich, lodernd und heilend in all seiner Schärfe: All die Asis und Proleten, die so gar nicht mehr leben, ohne Leidenschaft, kontrollieren das TV und wissen selbst nicht mal genau: das ist die Revolution! Präzise die Riffs, prügelnd das Schlagzeug. Die einfühlsame und gänsehäutende Hymne Falsche Freunde erkennt ganz richtig: Du weißt, für dich gibt es viel besseres, wie einfach mal zuhause bleiben, nachdenken und Briefe schreiben, diese dann an dich selbst schicken, drüber staunen, Eselsohren in die besten Seiten knicken, die gehen dann an all die falschen Freunde. Und immer wieder Lakonie. Auch La chanson parfaite, dass das perfekte Lied und dessen verheerende Folgen beschreibt, zehrt davon. Hier wettert die Band, wie schon auf der letzten Platte 3, gegen Genügsamkeiten. Dort wo sich hingegen Großkapital und Verantwortung Gute Nacht sagen weichzeichnet das Arbeiterlied feine, melancholische Linien zwischen surrealen Bildern von entlassenen Werftarbeitern und schwebenden Managern, die Schiffe wie Glas zertrümmern. Mit eine der besten wahrheitsbeschallenden Platten, die Germania in diesem Jahr zu gebieren imstande ist. Nieder mit heulenden Wohlstandsgesichtern. Euch gehts doch gut - wenn ihr nur wollt. Gehts noch?
www.popcultures.de // Hendrik Maaß // 13.10.06
Pro: Nein, nein. Glauben Sie das nicht, glauben Sie das ja nicht. Tun Sie stattdessen folgendes: Gehen Sie in den Plattenladen Ihres Vertrauens und suchen Sie nach diesem Album! Fragen Sie notfalls danach, und wenn Sie es haben, gehen sie damit zur Kasse und dann schnell nach Hause! Kein Antesten im Laden, das ist nicht nötig, kein Gejammer wegen zu teuer, seien Sie im Gegenteil dankbar, dass es sowas für Geld gibt. Eine CD wie diese: Ein Dutzend Songs finden sich hier, die sich der unterschiedlichsten Stile von Pop, Rock, Prog, (Post-) HC etc. nach Belieben bedienen, selten stringent verlaufen, jedoch niemals übertrieben verkünstelt werden. Schon der Opener Dead city macht es vor: Zu Anfang denkt man fast an ein Bühnenstück, wenn der Sänger voller Inbrunst Textzeilen zu leisen Piano-Noten vorträgt. Schließlich mündet das ganze in eine Art Singalong und wandelt sich von dorthin mehr und mehr Richtung Rocksong. Großartig. Bis auf das von Jens angesprochene Nach dem Piepton, das nur gegen Ende etwas schwächelt, gibt es auf dieser Platte keine einzige Schwachstelle, keine Längen. Ganz im Gegenteil haben es PENDIKEL hinbekommen, ein durchweg anspruchsvolles, spannendes, aber niemals zu verkopftes Album zu schaffen, das sich nie entscheiden kann zwischen Herz ergreifend und zügellos rockend und auf dem tatsächlich ein Hit den nächsten jagt. Nach dem Opener kommt das zauberhafte Handbuch gefolgt von dem ungestümen Zitatmaschine, gefolgt von dem Super-Hit Falsche Freunde und so geht es weiter bis zum gigantischen Titelstück und schließlich dem finalen Bis zum letzen Mal. Atemberaubend! Das sind im übrigen auch die Texte und das oft sogar im wahrsten Sinn des Wortes, wo doch nicht selten die Zeilen viel zu lang scheinen, was aber rhythmisch hervorragend gelöst wird. Die Sprache ist schnörkellos, direkt und erzählend. Behandelt werden sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Dinge, und Carsten Sandkämper erweist sich nicht nur als ein uneingeschränkt hervorragender Sänger, sondern auch als ein sensibler Beobachter. Diese CD ist nicht einfach nur nicht schlecht, nein, sie ist so gut, dass ich heulen könnte vor Freude. Ein verdammter Geniestreich ist das. Alle Punkte, aber dicke! Und nun schau ich mal nach, was denn Sophistik eigentlich ist.(10/10)
www.blueprint-fanzine.de // Michael // 04.10.06
Zitatmaschine - Die Texte Sandkämpers bedienen sich keines besonderen Vokabulars, scheinen mitten aus dem Leben gegriffen, und doch bleibt da immer ein Stück Fremdheit, die einen wiederholt zum Hören treibt, weil man meint noch etwas verpasst zu haben.
Carsten Sandkämper, langjähriger Autor der Pop-Postillen Spex und Intro, betreibt seit zehn Jahren mit Oliver Klemm die Band Pendikel, der man einen weit größeren Bekanntheitsradius wünscht als sie ihn im Moment hat. Das könnte sich mit "Don't Cry, Mondgesicht" schlagartig ändern, dem mittlerweile vierten Longplayer von Pendikel, denn nicht nur in der Spex ist diese Platte zurzeit ganz oben (und der Verdacht der Vetternwirtschaft ist in diesem Fall obsolet, angesichts der offensichtlichen Qualität). Das liegt sicherlich zu großen Teilen an der Intensität, die sich in diesen zwölf Songs vermittelt. Selten genug kommt ein Rockalbum aus Deutschland, das zu gleichen Teilen mitreißend und intelligent ist. Allein der Opener "Dead City" lohnt die Anschaffung des Albums, denn er vereinigt in sich mehr Ideen, als den meisten Bands auf einem ganzen Album einfallen, und ist eine kleine Minioper geworden. Die Texte Sandkämpers bedienen sich keines besonderen Vokabulars, scheinen mitten aus dem Leben gegriffen (wie zum Beispiel bei "Falsche Freunde", einem Song über genau diese), und doch bleibt da immer ein Stück Fremdheit, die einen wiederholt zum Hören treibt, weil man meint noch etwas verpasst zu haben. Dann wieder die pure Lust an den Stonerrock-Gitarren, wie bei "Fall B" oder "Nach dem Piepton". Pendikel scheuen sich auch nicht politisch zu werden, wie in "Arbeiterlied". Obwohl: politisch sind Pendikel immer, wenn man in Rechnung stellt, dass am Leben sein an sich schon eine Haltung voraussetzt. Sie können auch nicht anders als Konzeptalben zu machen, sagen sie jedenfalls selbst. Schon denkt man an die Rückkehr der goldenen Zeiten des Progrock. Die "Zitatmaschine", die sie im gleichnamigen Song thematisieren, könnten jedenfalls auch sie selber sein (und tatsächlich: "Fall B" wird zur Zitatmaschine der "Zitatmaschine"). Selbstreferenz wird aber nicht zum Selbstzweck bei "Don't Cry, Mondgesicht", sondern wirkt als Katalysator der guten Ideen. Konzeptalben brauchen eben gute Konzepte. Gäbe es die Band nicht schon so lange, man müsste von einer der Entdeckungen des Jahres sprechen. Sagen wir so: Album Nummer vier wird nicht nur für den Hörer etwas Besonderes, sondern hoffentlich auch für die Band. Wie heißt es in "Falsche Freunde" so schön: Es geht "nur um Musik". Also um verdammt viel.
www.titel-forum.de // Tina Manske // 05.10.06 CD der Woche
Mit dem bewussten Wahrnehmen der Veröffentlichung von Pendikels aktuellem Album Dont Cry Mondgesicht schließt sich ein Kreis. In mehrerer Hinsicht, vor allem aber weil es meinem Musikgeschmack einen Rahmen gibt. Der Introducing Sampler Volume 6 enthielt den Song Vielleicht von Pendikels Album Fu ruft Uta; die Introducing Sampler Reihe beeinflusste meine/n Musikkenntnis/-geschmack in hohem wenn nicht entscheidendem Maß. Die angesprochene Volume 6 enthielt übrigens ebenfalls Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, Hip Young Things, Was Wa Wa und Kreidler. Damit mit Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs ist auch schon ein Name gefallen, der eine Einordnung der den meisten so unbekannten Band Pendikel ermöglicht. Einer deutschen Szene entstammend, die durch den Boom Hamburger Bands profitiert hatte, aber gleichzeitig versuchte, jenseits von Tocotronic ihre Musik zu produzieren und zu präsentieren. Wenige der Gruppen, die dies versuchten, konnten wenn auch u. U. nur kurzfristig von ihrer Musik leben; mir fallen eigentlich nur Surrogat die einen Sonderstatus einnehmen sowie Kante ein. Kante und Surrogat stellen weitere Referenzen dar, die bezüglich Pendikel genannt werden können. Alle drei Bands lassen sich in einem Post-/Prog-Rock-Kontext hören; Surrogat und Pendikel stehen dazu noch in einer Noise- und Post-Hardcore-Tradition. Um alle möglichen Bezüge, die mir auffallen, genannt zu haben, seien noch Radiohead und der Begriff Emo an sich erwähnt. In diesem sehr weiten Feld aus Härte und Lärm, Experiment, Pop und Middle of the Road Rock bewegt sich Dont Cry Mondgesicht. Die einzelnen Songs messen ebenfalls dieses gesamte Spektrum ab. Da gibt es die ruhigen Indie-poppigen Nummern wie Falsche Freunde, Le Chanson Parfait und Arbeiterlied, von denen Falsche Freunde sich sogar in ein Strophe, Refrain, Strophe Muster pressen lässt; diese ruhigen Nummern stehen neben wütend lautem wie der Zitatmaschine, Fall B, Nach dem Piepton und Gewinner sowie den schwer verdaulich experimentellen Stücken, die das Album eröffnen ( Dead City) und ihm den Namen geben ( Dont Cry Mondgesicht). Die Spannbreite der Platte definieren vor allem zwei ihrer Eigenschaften. Zum einen ist das die sperrig laute Verzweiflung, die Musik und Gesang bei Pendikel transportieren, das war schon bei Vielleicht auf dem Introducing Sampler so, zum anderen ist es Carsten Sandkämpers unglaublicher und unpoppiger Gesang. Wahrscheinlich fühlt er sich beleidigt, wenn ich diesen als Emo bezeichne, aber doch ist dies eine allgemein verständliche Beschreibung, & die zudem mehr oder weniger trifft. Dieser Gesang artikuliert Texte, die von dem einen Gedanken geprägt sind: In Ordnung ist hier nichts! Weder im eigenen Umfeld noch im großen global-nationalen. In Verbindung mit der Musik aus wunderbar zarten Melodien und immer wieder aber auch dem ganz großen Drama, der großen musikalischen Geste ergeben sich Hymnen gegen das, was ist, immer aber mit dem Wissen, um die eigene Untätigkeit und das eigene Unvermögen. Dass schon der Protagonist des ersten Stücks Dead City vom Dach springt, und das ohne großes Trara, Hätte er das gewollt, hätte er noch geschrien, doch er flog leise wie Vögel, oder Steine, oder Tränen tief, dass also die Eröffnung des Albums gleich stumm suizidal endet, stellt für uns klar, wir hören hier kein erbauendes Pop-Werk. Andererseits jedoch ist es der negative Höhepunkt zu Beginn. Damit ist das Wichtigste gesagt, wir müssen nicht mehr überlegen, was soll das? Diese Klarheit dessen, was uns erwartet, erzeugt Dead City auch musikalisch. In knapp acht Minuten begrüßt uns zunächst nur die einfache Klaviermelodie, über die Carsten Sandkämper weniger singt als proklamiert. Dies geht direkt über in den zweiten Songabschnitt in dem er erst zärtlich und lieblich poppig singt, bis die Gitarre einsetzt, alles kippt, verzerrt, sägt, rückkoppelt und dennoch nicht losbricht, sondern rumfrickelt, die Geschwindigkeit leicht gesteigert dem Selbstmord entgegenstrebt. Im Hintergrund erzeugt ein Synthesizer Spannung, während im Vordergrund, alles zurückgenommen wird, den Moment herauszögert, der Song ist gerade halb vorbei, bis der Moment da ist, und Carsten Sandkämper und Oliver Klemm auf der Klippe stehen, unbeteiligt zuschauen, um dann anklagend verquer und doch sanft fragen lassen Hätte man das nicht &. Well meet again, Dead City, my friend. Homewards again, Dead City, my friend. Damit fängt das Album fordernd an und wird uns weiter fordern. Sich in dieses Album zu verlieben, verlangt Arbeit. Aber auch Kid A und Die Tiere Sind Unruhig erobert man nicht in einem Hördurchgang. Dies ist die gute Seite, die gute Seite des Bewusstseins und der Musik. Wenn Sandkämper bei Zitatmaschine, Plan B und Nach dem Piepton die Wortspielkasse und das Phrasenschwein zum Überlaufen bringt, steckt da soviel Ironie und vielleicht sogar Zynismus drin, dass es schmerzt. Die Schmerzen, die Text und Musik fast durchgängig verbreiten, mildert allerdings nur musikalisch die melodisch poppige Schönheit von Falsche Freunde und La Chanson Parfait. Hier verlasse ich den Weg der offiziellen (kurzen) Rezension und gebe zu, dass die Beschreibung der Dead City nicht die Hälfte aller Elemente umfasst, die dieses Stück ausmachen. Ähnlich unzulänglich nähere ich mich Song zwei Handbuch. Dunkel schwimmend entwickelt sich über fast sechs Minuten eine Noise-Rock-Ballade, die immer auf dem schmalen Grat zwischen lautem Ausbruch und melodischem Anmut wandelt. Nachfolgend springt Zitatmaschine von diesem Grat direkt hinab in den Lärm, in eine Aggressivität, die im angetäuschten Refrain durch eine hymnische Melodie unterlegt wird. Was Ende der 90er auf Surrogats Album Rock kurze Rezension z. B. bei ciao.de von Patrick Wagner und Konsorten präsentiert wurde, potenzieren Pendikel hier und verbinden es mit einer Surrogat eher fremden Melodik. Wie zweimal schon erwähnt, gewinnt die Melodie bei Falsche Freunde. Sicher ist dies eine Deutsch-Alternative-Ballade, die im Jahre 1996 entstanden sein könnte, der Text jedoch, mit seiner Abrechnung der Coolness und der gefühlt gezwungenen Not eben dieser bzw. der Vorstellung davon, die in der eigenen Szene (hier Hardcore) herrscht zu entsprechen, hätte wohl kaum früher entstehen können. Kaum eine Band würde sich heute trauen, dies so zu artikulieren. La Chanso Parfait betrachtet ironisch die eigene Rolle in der Musikszene, die eigene (die der Band Pendikel) vergangene Hoffnung auf Erfolg und die Vorstellung jetzt den perfekten Song zu finden und plötzlich top of the pops zu sein. Die Vorstellung, harmloses Geplänkel wird zur Pflicht, und die Frage, was ist unser Herzblut dann noch wert, führen zu spontaner Amnesie. Ist es einfach? So einfach ist das nicht. So eröffnet der Fall B. Zwischen Feedback und Naturbeobachtung erstreckt sich ein wütendes Stück, das den Konflikt zwischen wortreich medial präsentierter und persönlich wahrgenommener Realität thematisiert. Nach dem Aufräumen im Sozialistischen Kindergarten geht es wütend mit medialer Überforderung Nach dem Piepton weiter, bevor Gewinner die kollektive Politik-, Realitäts- und vielleicht auch Lebensverdrossenheit zynisch lachend vertont. Ähnlich gelagert, greift Arbeiterlied zuckersüß zynisch die Globalisierung (des Schiffbaus) auf oder an und fordert lyrisch luftig leicht zum Griff zur Waffe, denn Zu Waffen greift immer nur wer verzweifelt ist, mit Worten nichts ausrichten kann & Also los jetzt! Den Wunsch, sich möglichst nicht in immer gleichem zu verlieren der dem progressiven Rock ja immanent ist / zu sein scheint , erfahren wir in fast jedem Stück aber besonders stark in Dont Cry Mondgesicht. Lange Zeit tut sich wenig, Soundmuster und schnipsel, Klavier, Gitarre, Rückkopplung und einzelne Töne. Erst nach drei Minuten beginnen wir langsam unser eigenes Grab auszuheben, mit jedem Schlag versiegt mehr fahle Vergangenheit / Dont cry, my baby, dont cry! Sind wir soweit, ergießt sich nur noch ein himmlischer Sturzbach über uns, der Sturm tobt und spült uns fort, bis alles sauber ist, kein Erdboden mehr die Straßen verschmutzt, der Wind einschläft, die Sonne langsam aufgeht und einen sonnigen wunderbaren Morgen eröffnet. Wieder nur Sound, Geräusche, Töne. Doch es gibt noch den Abschluss Bis Zum Letzten Mal. Ein Album für latent Suizidale, die aus welchen Gründen immer am Leben hängen! Die Spex, die Dont Cry Mondgesicht zusammen mit Dem Aufstieg und Fall der Gruppe Sport zum doppelten Album des Monats September 2006 erklärt, nennt das ganze übrigens Setzkastenpop. Ein schönes und äußerst passendes Wort ist das. Hoffen wir, dass sich ein Publikum findet (das von Sport oder von Kante z. B., vielleicht sogar die Jugendlichen aus dem Anhang von Madsen, eher nicht die alt gewordenen Hardcore-Freunde), das sich für Pendikel erwärmen kann. Ebenfalls alternde und von ihrer Band seit Jahren enttäuschte Ex-Blumfeld-Fans sollten sich in jedem Fall hier gut aufgehoben fühlen. Zu fordern, diese Platte sei die der Woche, wäre verrückt, aber: Sie ist so verdammt hörenswert und unglaublich gut, dass ich nicht zu einer elitären Streberminderheit gehören möchte, die sie gehört hat und bereit ist, sie gut zu finden. Eine kurze lobende Erwähnung sei dem Artwork von www.kringelkritzeln.de gegönnt.
http://meteo.wordpress.com // Musikmeteoblog // 12.09.06
Abenteuerspielplatz - Mit dem Kopf in den Wolken und einer Vision im Geiste. Guido Lucas ist so etwa das Gegenteil eines Hans-guck-in-die-Luft. Der Troisdorfer Hornbrillen- und Bartträger ist Betreiber und Begründer des deutschen Krach-Pools BluNoise, Produzent von Blackmail, Urlaub In Polen oder Sumo. Er ist mitverantwortlich für die Blaupausen von Harmful oder Ulme und hat Troisdorf auch außerhalb der Grenzen Nordrhein-Westfalens bekannt gemacht. Kaum hat man ihm im Geiste auf die Schulter geklopft, zückt er den nächsten Trumpf aus seinem Ärmel: Pendikel sind zurück. Mit alter Stärke und neuem Mut. Die Geschichte der Band ist schnell geschildert: Zu viert warf man dem geneigten Publikum die Brocken von "Fu ruft Uta" in bester Helmet- und Frickelcore-Manier vor die Füße, Waterdown bildeten sich aus Pendikel hervor, und nach einiger Zeit standen Oliver Klemm und Carsten Sandkämper alleine vor den geöffneten Toren der Zukunft. Die Platte "3" erschien, mit Konzept und Überblick. Und einem Haus- und Hofproduzenten. Wieder zu alter Bandgröße gewachsen, werkelten die Osnabrücker mehr als 365 Tage an "Don't cry, Mondgesicht" herum und schicken dieses nun als Prog-Rock-Oper auf die Menschheit los. Und diese muß sich einiges gefallen lassen. Der Spannungsbogen ist gewaltig. Er erstreckt sich von den ersten Klängen des manisch zuckenden, melodiösen und explodierendem "Dead city" bis hin zum schüchternen, betroffenen und tiefgründigen "Bis zum letzten Mal". Pendikel erzeugen einen Strudel wilder Emotionen. Berstende Wut wird zelebriert, Blut gefriert in den Adern, und dem Kopf wird ein Abenteuerspielplatz unterbreitet, der ohne Fallnetz und Versicherung ins Rotieren gerät. "Falsche Freunde" legt sich auf einen mäandernden Elektroteppich, der den Song zu feinem Indiepop führt, welcher im traurig nachdenklichen "La chanson parfaite" seine Fortführung findet. Die Energie bleibt erhalten, die Gitarren kratzen, das Schlagzeug wuchtet die Songs in die Nieren. Carsten Sandkämpfer entdeckt einen Weg zwischen einkerbenden Melodien, hysterischen Sprechgesängen, mit scharfen Beobachtungen und lyrischen Volltreffern. "Don't cry, Mondgesicht" ist ein Album geworden, welches sich zwischen den energetischen und fragilen Platten von Sport und Klez.E gemütlich macht und doch in keinerlei Ecke gedrängt werden will. "Die Augen auf! / Es gibt so viel zu sehen / Hell wird zu Form / Und jetzt viel Spaß! / Auf dass du nichts verpasst." (7/10)
www.plattentests.de // Christian Preußer // 28.09.06
Zwischen Sensibel-Lyrik und Pathos-Rock umgarnen uns PENDIKEL auf ihrem schön betitelten vierten Album Dont Cry, Mondgesicht. 90er-Ami-Rock aller Couleur, aber auch King Crimson (1:1 beim Intro von Handbuch) stehen dabei im Hintergrund.
Kölner Illustrierte // Christian Meyer // Nr.10 Oktober 2006
Contra: PENDIKEL gibt es ja schon ein paar Tage länger, doch auch, wenn sie ihre Musik in den letzten zehn Jahren stilistisch bereits mehrfach verändert haben, ist eines nach wie vor geblieben: die Komplexität und die Sperrigkeit, die PENDIKEL für die Masse stets unzugänglich machte. Da wird sich, trotz einer Menge poppiger Melodien und des schon länger anhaltenden Hypes um deutschsprachige Bands, auch bei "Don't cry Mondgesicht" wohl nichts ändern. Wobei "Falsche Freunde" ein wahrer Hit ist& Denn irgendwie scheinen PENDIKEL ein Problem mit der Einfachheit zu haben, zumindest wird in vielen Songs dafür gesorgt, dass das eventuelle Hitpotential durch schräge Einfälle wieder zunichte gemacht wird. Im Gegensatz zu anderen Bands ist jedoch zumeist nicht die musikalische Seite dafür verantwortlich, sondern der Gesang von Carsten Sandkämper, der von der Zeilenlänge oft nicht in den vorgegebenen musikalischen Kontext reinpasst und sich lyrisch und technisch ("Nach dem Piepton") in Gefilde wagt, die die Platte teilweise wirklich unhörbar machen. Dabei hat der Mann im Grunde eine wahrlich gute Stimme, die gekonnt zwischen normalem Gesang und Kopfstimme wechselt. Schade, dass hier versucht wurde, der musikalischen Vielfalt durch eine adäquate Abwechslung im Gesang zu entsprechen. Dies wäre überhaupt nicht nötig gewesen, hätte die Platte am Ende vielleicht sogar noch viel besser gemacht. So bleibt zum Schluss aber der Eindruck, dass hier die philosophische Absicht nicht nur streckenweise der Sophistik zum Opfer fiel. Leider. (6/10)
www.blueprint-fanzine.de // Jens Gerdes // 29.09.06
Ich schwöre bei dem Leben deiner Eltern, ich habe die Rezension in der Spex zu diesem Album nicht gelesen. Nur gehört, es sei dort sogar die Platte des Monats geworden. Irre hey, warum nicht? So, und nun, ohne diesen gegnerischen, äh, anderen Text über Dont Cry Mondgesicht (was für ein wunderbarer Titel) zu kennen, möchte ich wetten, dass zwei sehr schwer wiegende Referenzen gefallen sind, sein müssen! Einmal Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und auf der anderen Seite Kolossale Jugend. Falls das nicht der Fall sein sollte, müsste ich mich mal ganz lang wundern bzw. hätte der Kollege oder die Kollegin doch eine sehr, sagen wir mal, originelle Popweltsicht. Okay, sicher mag es von diesem Text hier nun eher unoriginell erscheinen, gleich kunstfeindlich derartige Bezüge aufzumachen und die Einzigartigkeit einer Band zu untergraben, aber das Schicksal Pendikels ist trotz oder wegen vier Alben in zehn Jahren auf blunoise nun mal eine sehr unterrepräsentierte Wahrnehmung. Mit anderen Worten: Die Osnabrücker Band kennt kein Schwein. Also außer den Checkerschweinen. Die kennen ja immer alles. Aber Pendikel sonst Fehlanzeige. Das mochte für die ersten Alben Fu ruft Uta und Phantasievoll (aber unpraktisch) ja noch nachvollziehbar sein, waren sie doch arg sperrig und an vielen Stellen so selbstgefällig in ihrer Sprödheit, dass der geneigte Normalo eher draußen stand, statt eingeladen zu werden. Aber mit 3 änderte sich das ziemlich schlagartig. Nach einer recht langen Pause hatten Pendikel als Band ihr Herz entdeckt und die Subversion der persönlichen Ansprache. Die soundmäßige und rhythmische Dringlichkeit früher Tage wandelt sich auf 3 und vor allem auch auf diesem Album in eine ganzheitliche Dringlichkeit. Weniger Show-off, mehr Essenz, sagen wir in unserer Werbersprache und haben damit zu allem Hohn sogar Recht. Wobei Songs wie Gewinner auch noch die alte Vertracktheit mit sich führen, so ist es ja nicht. Aber dennoch hat sich der Tonfall derart einschneidend geändert, dass man sich Band und Platte an keiner Stelle entziehen kann. Egal, ob sie nun ätzend und sinister formulieren (wie auf Gewinner) oder diese unheilvolle, aber ergreifende Zartheit ( Falsche Freunde) aufbieten. Pendikel sind klammheimlich zu einer super Band gereift. Vielleicht etwas zu gut und undumm für das big Picture des Deutsch-Pop. Aber dieses Schicksal mit zum Beispiel den Ostzonensuppenwürfeln zu teilen ist doch auch nicht unehrenhaft. Wird man eben von wenigen dafür qualitativ mehr geliebt.
Intro // www.intro.de // Linus Volkmann // Nr.143 Oktober 2006
Erwähnung Pendikel auf Zeit online (mit Verlinkung auf die Homepage):
Musikpresseschau Echolot
Buttermilch statt Coca-Cola - Was sollen Deutsche amerikanischer Musik entgegensetzen? Und welche Musik gab's, bevor es Amerika gab? Antworten in unserer Musikpresseschau Echolot:
(...) Überraschender ist die Themenauswahl in der aktuellen Nummer der Spex. Die Osnabrücker Pendikel schaffen es mit Dont cry, Mondgesicht zur Platte des Monats. Ihnen zur Seite: Sport (Aufstieg und Fall der Gruppe Sport) aus Hamburg. (...)
Zeit online // Markus Zinsmaier // 18.09.06
Deutscher Indie-Prog-Rock der Extraklasse ... - Über ein Jahr haben PENDIKEL mit blunoise-Mastermind Guido Lucas an Don't Cry, Mondgesicht gearbeitet und das mit beträchtlichen Erfolg! Herausgekommen ist eine Platte mit deutschsprachiger Rockmusik, die endlich mal wieder wirklich eigenständig daher kommt. Hier hört man nicht die tausendste Kopie eines erprobten Konzepts, sondern eine Band auf der Suche nach dem für sie passendsten Sound. Und dem sind PENDIKEL verdammt nah gekommen. Auf Don't Cry, Mondgesicht erwartet den geneigten Hörer eine leidenschaftliche und tief emotionale Version von moderner, wenn nicht sogar progressiver Rockmusik. Mal fühlt man sich an RADIOHEAD zu Ok Computer-Zeiten erinnert, mal knarzen die Gitarren in bester Alternative- oder sogar Grunge-Tradition das es die reinste Wonne ist. Immer dabei: Intensivste Gefühle und der Wille, etwas eigenes zu schaffen. Und auch dabei ist Prog ein gutes Stichwort, auch wenn es hier nicht um die Marke "Akademischer Frickelprog" geht, sondern um die dahinter stehende Haltung. Einen sonderlich einfachen Zugang geben uns PENDIKEL nicht, diese Platte schleicht sich langsam, aber dann um so stärker in die Gehörgänge. Ganz im Besonderen seien die brillanten Texte erwähnt: Songs wie "Handbuch" oder "Falsche Freunde" erschlagen geradezu durch ihre klaren Botschaften verpackt in schönster Lyrik, die allerdings auch erarbeitet werden will. Fein auch, wie sie in "La Chanson Parfait" den perfekten Song beschreiben, den sie aber gerade wegen dessen Vollkommenheit lieber nicht haben wollen ... Diese Platte beweist, dass es auch abseits der gerade viel be- und zum Teil schon ausgetretenen Wege in der deutschen Popmusik noch ein paar unbekannte Trampelpfade zu entdecken gibt. Belohnt wird man für seine Entdeckungsarbeit mit einem wunderschönen Album zwischen Euphorie, Zweifel und der unbedingten Liebe zu interessanter Musik. Auch wenn PENDIKEL selber sagen, dass sie mit dem neuen Album noch immer nicht das gefunden haben, was sie suchen wenn dabei so etwas zeitloses herauskommt wie Don't Cry, Mondgesicht können sie gerne noch lange weiter suchen ... (6/6)
www.triggerfish.de // Norbert Acker // 20.09.06
Nur nett konnten die noch nie. Ihre Frühwerke "Fu ruft Uta" und "Phantasievoll (Aber unpraktisch)" waren schwer verdauliche Brocken aus Postpunk, Prog und Noise, untermalt von bedeutungsschwangeren, vertrackten Lyrics. Und gerade deswegen: interessant, eigen, fordernd. Die dritte Platte "3" wurde dann von der Spex als Eldorado für diejenigen gepriesen, die "zusammen laut und leise, zärtlich zu den Wunden, aber erbarmungslos in den Momenten, die nach Zerstörung schreien" sein wollten. Pop war musikalisch in den Mittelpunkt gerückt, und diesen Weg gehen Pendikel auch auf "Don't cry, Mondgesicht" weiter - natürlich meilenweit vom Radioformat entfernt. "Dead City" eröffnet das Album, oder besser gesagt: führt ins Thema ein. "Hätte dir vorher jemand zugeflüstert/das Leben sei ganz anders als ein mit viel Behaglichkeit gefüllter Traum/Hättest du dich weiter in Mama verkrochen ? Wir glauben kaum." Das Leben ist beschwerlich und voller Tücken, aber niemand hat das Gegenteil behauptet. Nun, nicht ganz. Melancholie und Schmerz passen nicht in die so gern propagierte Welt voller "Gewinner", die dich mit ihren Leuchtreklamen in ihre Arme nimmt. Carsten Sandkämper schreit ihn hinaus, den koksinjizierten Überschwang der Lenker im Land. Wie ein Leuchtturm inmitten von Schiffswracken steht dieser marktschreierische Punkrocker zwischen all den restlichen, zurückhaltenden Songs mit ihren pointierten Beobachtungen über die Unwägbarkeiten unseres Daseins - wie die manchmal erfolglose Suche nach den besonderen Menschen, mit denen man sein Leben teilen kann. "Du suchst nach einer Wahrheit, die ist schon 1000 Jahre alt/Freunde sind rar und wichtig. Das ist erschreckend richtig." heißt es in "Falsche Freunde". Völlig unpeinlich gehen hier ein auf den Punkt gebrachter, stark zugespitzter Texte und Pop zusammen. Sogar wenn es politisch wird, wie im "Arbeiterlied", finden Pendikel die richtige Linie. Keine Spur von Effekt heischender Unruhe, ganz ruhig lässt sich Sandkämper durch die Zeilen treiben."Send seven lifeboats adrift/I wanna save you all and punch a hole into that body of wood". Auch wenn die Gitarren mal etwas nervöser und härter werden, wie in "Zitatmaschine", sind Pendikel musikalisch sicher ein weites Stück entfernt von früherer Radikalität - aber nicht dass jemand auf den Gedanken käme, hier würde so etwas wie die neue Romantik propagiert. In diesen fein beobachteten und beleuchteten Geschichten und Pamphleten steckt eine gehörige Portion Punkrock. Und außerdem: ein Elton John-Gedenk-Klavier wie in "La Chanson Parfaite" klingt einfach wahnsinnig gut.
Eine Platte, die Einlassung fordert, aber dann zu einem wichtigen Begleiter werden kann. (8,5/10)
www.tinnitus-mag.de // Christian Bartlau // 27.09.06
This is the fourth record from German band Pendikel and I dont know their other 3 records, but this one is great. The music is not typical, very emotional, slow and with sad vocals. With a lot of Prog - Rock elements. This is the perfect soundtrack to your suicide. The track HANDBUCH is very slow (as the opener DEAD CITY) and sounding like a small mini-opera. Especially the German vocals fit perfect and give these 2 songs a touch of broken romance. ZITATMASCHINE is faster and in my eyes far away from the 2 opening tracks. After some weaker tracks NACH DEM PIEPTON bring the band back to the winner side and with ARBEITERLIED, the title track and BIS ZUM LETZTEN MAL they close a good record. Guido Lucas (Blackmail, Harmful etc.) did again a great job with the production. All in all a great German newcomer and I think they will get big! (8/10)
www.daredevilrecords.de // Jochen Böllath // 23.09.06
Das Dilemma von musizierenden Musikrezensenten: Die Karrieren anderer Bands zerstören indem man das mit Herzblut bepackte Gut in Grund und Boden schreibt, aber selbst alles besser machen wollen. Ein Spagat der nicht einfach ist, den aber viele machen oder gemacht haben. Uhlmann, Knollmann, Wittenbrink, Rieser, Kruse oder Sandkämper sind solche Zweifrontenkämpfer die es mehr oder weniger erfolgreich hinkriegen. Letztere beiden haben sogar zusammen bei Pendikel gespielt bis Kruse mit ein paar Kumpanen eine gewisse Band namens Waterdown gründeten. Sandkämper ist Pendikel treu geblieben und zeigt mit seinen Musikantenfreunden auf Don`t cry Mondgesicht wie man ein experimentelles Werk mit Anspruch macht und dabei nicht die Melodien aus den Augen verliert.
Natürlich gibt es Soundbrocken von der berühmten Katze pisst auf Wellblech, aber diese werden sofort von phänomenal guten Harmonien abgelöst. Gerade diese Achterbahnfahrt macht die schönen Momente noch schöner. Neben hässlich sieht gut eben noch besser aus. Kontrast nennt sich das. Und das haben die Osnabrücker vollends drauf. Und das sehen andere bestimmt auch so. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die so genannte Rezensionsavantgarde von Intro, Spex und Plattentests viel an Pendikel auszusetzen hat. Das hier ist Strebermusik für intellektuelle mit Zausellocken und Nickelbrille. Und ich mag sie ausnahmsweise. Die schnellen Stücke etwas mehr. Deutscher Radiohead-Hardcore der Erinnerungen an frühere Notwist weckt. Pendikel setzt sich von anderen Bands ab wie ein neongrünes Haus im Backstein-Neubauviertel von Meppen. Ich tanze jetzt zu Architektur. Geht besser als über Pendikels Musik zu schreiben. Not: Voll Gut.
www.bizarre-radio.de // Michael Konen // 26.08.2006
Es gibt Platten des Monats in unserem Magazin, die sind ein sich lange im voraus ankündigendes Naturereignis im SPEX-Maßstab: Genregrenzen sprengende Werke, Überraschungen oder Alben, die einfach nur Pop sind, Spaß machen und deren Namen möglichst prominent in die Welt posaunt gehören. Selten hat man es allerdings mit Platten wie diesen beiden zu tun, die vom ersten Kriterium weit entfernt sind, dafür umso mehr von den nach dem Doppelpunkt genannten verkörpern, und deshalb herausstechen, weil sie trotz Rückgriff auf bekannte musikalische Techniken und Spielweisen etwas so noch nicht Gehörtes erschaffen. Für uns stellt sich hier aber auch die Frage: Wo verdammt steckt das dazugehörige Publikum? Es zu finden und jene anzuleiten, die noch gar nicht wissen, dass sie dies hier gesucht haben, ist der missionarische Teil exponiert platzierter Rezensionen. Sport kommen aus Hamburg, und weiter vorne im Heft findet man bereits einiges über das Trio zu lesen, dem ich sinngemäß vor gut zehn Jahren an dieser Stelle gewünscht habe, bitte »groß zu werden«. Wir wissen: Es hat nicht wirklich geklappt bisher, aber die Herren sind mit ihren anderen Bands und Lebensaufgaben (u.a. Künnecke & Smukal, Kante, Musikalienhandlungen betreiben u.a.) auch so ganz gut beschäftigt. Ihr zweites Album nun besticht durch einen schonungslosen Umgang mit Rockspielarten, wie man ihn vornehmlich in den 90ern hören konnte. Grunge und so. Hier Soundgarden, dort Mudhoney. Sport haben Spaß an Übertreibung, an der Dramatik von Breitwandgitarren und -arrangements und manchmal, zu hören in »Wie Ameisen«, beschließen sie einen Song auch mit einem Gitarrensolo, nach dem sich J. Mascis die Plektren lecken würde. Passt so weit ja ins Grungebild. Revival anyone? Es wird kommen! Oder ist es vielleicht schon längst da? Mit »Aufstieg und Fall ...« jedenfalls zelebriert die Band um Sänger und Gitarrist Felix Müller ein elegantes Songwriting, das sehr gekonnt Stimmung zu erschaffen vermag und immer auf die direkteren Gesten setzt. Dass das alles so gut wirkt, liegt auch an den mitbesten Texten der jüngeren deutschsingenden Rockvergangenheit (und Müllers prima Singstimme). »Ein Ende« fasst z.B. wie kein Song zuvor das Elend dessen zusammen, was man in der Musikindustrie »A&R« nennt. Sport wissen genau, was sie persiflieren, und ich weiß, worüber es sich aufzuregen lohnt: Der Legende nach haben fast alle passenden Plattenfirmen diese Platte auf dem Tisch gehabt und entweder (wahrscheinlich) »die Single nicht gehört« oder sie teilweise (verbrieft) gar nicht erst gehört. Dabei wäre sie für beinahe jedes Label der Höhepunkt des Jahresprogramms gewesen. Egal, sie ist ja da.
Ein holpriger Übergang entsteht an dieser Stelle u.a. durch die Tatsache, dass ebenfalls etwas weiter vorne im Heft Carsten Sandkämper, Sänger und einer der beiden »Überlebenden« von Pendikel aus Osnabrück, bekanntermaßen wie verrückt von Kante schwärmt der Band, in der Felix Müller (von Sport, Sie erinnern sich) auch spielt. Sandkämper weiß das Zwingende in Peter Thiessens Texten zu schätzen und hat seine Lektion gelernt. Gerade die Stimme eigen, wandelbar, dem Song verschrieben und seine Texte sind auch bei Pendikel ein Topargument. Scharfzüngig, manchmal niederschmetternd überrealistisch, depressiv, nicht bloß melancholisch, aber nie entmutigend, gehen die Songs gegen das an, was ihn nervt, sagen aber auch, wofür es sich zu kämpfen, lieben und leben lohnt. Kaum eine Geschichte ohne Moral, aber auch kaum ein Song ohne waghalsige Arrangement-Wendungen. Pendikel sind Tüftelfüchse, eine »Proberaumband«, wie man vor der digitalen Arrangementrevolution gesagt hätte. Nur wer sich wie Sandkämper dem Progrock nahe fühlt, kann Songs derart arrangieren. Schon der Opener »Dead City« umreißt in knapp acht Minuten die Grundidee der Platte: alles geht. Eine Miniaturoper ist das, angedämpfte Gitarren, Synthiegeeier und dann der weit ausholende Spookey-Ruben-Hearalike-Refrain. Groß! Aber Pendikel können es auch trocken und überdreht wie in »Zitatmaschine«. Wer in diesem Magazin, um wieder selbstreferenziell zu werden, aufgepasst hat, für was sich Herr Sandkämper (ja, ehemaliges Redaktionsmitglied und immer noch Autor; Klüngelvorwürfe gelten nur nach eingehender musikalischer Analyse im Selbstversuch) erwärmt, hat eine ungefähre Ahnung davon, wie hier Radiohead, seine heiß geliebten Strukturanarchisten Cardiacs, Punk- und Hardcore-Wurzeln (schöne Abrechnung mit Vergangenem in »Falsche Freunde«), freundliche Indiesongs, dienliche Elektronik, Pop und 47 weitere Referenzen mehr in großen Lettern unverhohlen zum Buch des einzig wahren (besser: seines) Lebens zusammengesetzt werden. SO hat man das mit Sicherheit noch nicht gehört. An jeder Songecke wartet die nächste dich überraschende, erschreckende, vielleicht auch mal irritierende, stutzig machende Wendung. Chapeau. (Im Gegensatz zu Sport übrigens erspare ich uns Prognosen bezüglich eines Progrock- oder Setzkastenpop-Revivals. Obwohl ...)
Wenn also die Verdienste, zwei großartige Grundideen von Musik und ganz besonders eigene, gelungene Umgangsweisen mit Text zusammenzuführen, noch nicht ausreichen, um den seltenen Fall der Doppelplatte des Monats zu rechtfertigen, dann vielleicht, dass im Rahmen unserer bescheidenen 25-Jahres-Feierlichkeiten im letzten Oktober beide Bands einen gemeinsamen Auftritt absolviert haben, bei dem gefühlte elf zahlende Gäste anwesend waren. Dass dem wünschenswerterweise nie wieder so sein wird, darf auch als Aufgabe dieser ultramissionarischen Rezension verstanden werden. Und Ende des Monats geht mit einer Band namens Fotos der Kampf für das tendenziell Gute dann auch schon weiter. Das alles macht Hoffnung.
Spex // Uwe Viehmann // Nr. 302 September 2006 Platte des Monats